Zornangst

falls dich auch so viel erzürnt mich und beunruhigt mein gemüt will einfach nicht den zustand akzeptieren alle ungefragt lässt sich die feigheit auf den menschen nieder sind die beweggründe alles nur für sich zu tun.

© by Fabian Tietz

Ahorn

In allem bleiben Fragen liegen auf der Straße ist der Teer noch heiß liegt mir der Tee im Magen flattern Schmetterlinge seit du gingst sind alle Tränen getrocknet wie das Ahornblatt zwischen den Seiten des Gedichtbands liegen die Antworten auf das Warum.

© by Fabian Tietz

wund

ich habe die idee verloren,
die alles durch das leben treibt,
nun sitz' ich blass und wundgeschoren,
hab' jeden dorn mir einverleibt.

wohin ich blicke ist kein blühen,

auch nichts was ich am menschen liebe.
wenn doch nur dieses sanfte glühen
aus alten tagen mir noch bliebe.

© by Fabian Tietz
The Day Lou Reed Died

It’s not like his songs are going to simply
evaporate,


but since the news I can’t stop
listening to him


on endless shuffle—familiar, yes, inside
me, yes, which means


I’m alive, or was, depending on when
you read this. Now


a song called “Sad
Song,” the last one on Berlin,


sung now from the other side, just talk,
really, at the beginning, then


the promise
or threat, I’m gonna stop wasting


my time, but what else
are we made of, especially now? A chorus


sings Sad song sad song sad song sad

song. I
knew him better than I knew my own


father, which means
through these songs, which means


not at all. They died on the same day, O
what a perfect day, maybe


at the same moment, maybe
both their bodies are laid out now in


the freezer, maybe side by side, maybe
holding hands, waiting


for the fire or the earth or the man
or the salt—


if I could I’d let birds devour whatever’s left
& carry them into the sky, but all I can do


it seems
is lie on the couch & shiver, pull a coat


over my body as if it were all I had, as if I
were the one sleeping outside, as if it were my


body something was leaving, rising up
from inside me


& the coat could hold it in
a little longer.


© by Nick Flynn



Der Tag an dem Lou Reed starb

Es ist nicht so, als würden sich seine Lieder einfach 
in Luft auflösen,

doch seit der Nachricht kann ich es nicht sein lassen 
ihn zu hören

in Endlosschleife — so vertraut, ja, in
mir, ja, das heißt

ich lebe, oder habe gelebt, hängt ganz davon ab, wann 
du das hier liest. Und jetzt

ein Lied mit dem Namen „Sad 
Song“, das letzte auf dem Album „Berlin“,

erklingt nun von der anderen Seite, am Anfang 
nur Worte, dann

das Versprechen
oder die Drohung Ich werde aufhören

meine Zeit zu verschwenden, doch woraus sonst 
sind wir gemacht, vor allem heute? Ein Chor

singt Sad song sad song sad song sad 

song. Ich 
kannte ihn besser als meinen eigenen

Vater, das heißt
durch diese Lieder, also

überhaupt nicht. Sie starben am gleichen Tag, oh 
was für ein perfekter Tag, vielleicht

im gleichen Moment, vielleicht
ruhen ihre beiden Körper nun im

Gefrierschrank, vielleicht Seite an Seite, vielleicht
Hand in Hand, wartend

auf das Feuer oder die Erde oder den Mann
oder das Salz—

wenn ich könnte, würde ich die Vögel fressen lassen, was übrig ist
& sie in den Himmel tragen, doch alles was ich tun kann

so scheint es,
ist auf der Couch zu liegen und zu zittern, einen Mantel

über meinen Körper zu ziehen, als wäre er alles was ich noch habe, als wäre ich
derjenige, der außerhalb  schläft, als wäre es mein 

Körper, den etwas verlässt, etwas, das aus meinem 
Inneren hochsteigt

& der Mantel könnte es vielleicht
etwas länger drinnen halten.
  
(Übersetzt von Fabian Tietz mit freundlicher Unterstützung von Gabriele Brunsch) 

 Lou Reed "Animal Serenade" Live Konzert 24. Juni 2003
Jetzt
Ich glaube mich auf einem Irrweg der Worte tieferer Sinn bleibt wortlos im Inneren meiner Sanftheit gestatte ich Stille ist die Essenz allen Seins liegt im Fließen zwischen Geburt und Tod bleibt der Moment "Ich bin".

© by Fabian Tietz